6 04 2012

Und so empfanden wir Chile!

 

Nach den Erfahrungen in Argentinien, lässt sich eines direkt sagen: die Chilenen sind SEHR gastfreundlich und hilfsbereit. Bei dem Kaffee, den sie hier ausschenken müssen sie das allerdings auch sein 🙂 Ungleich zu den europäisch verwurzelten Argentiniern, herrscht in Chile (noch) keinerlei Kaffeekultur und Nestle hat mit seinem Nescafépulver eine Marktdurchdringung von gefühlt 98%;  zu bekommen in jedem Kaffee beim Frühstück etc.. Es ist also klar, wer hier kein Interesse an modernen Kaffeemaschinen hat, geschweige denn an Filterkaffee.

 

Aber lasst uns direkt zum innersten Charakter der sympathischen Chilenen kommen. Katholisch überproportional vorbelastet und vermutlich durch die mannstarke Militärbürokratie unterstützt, stellen wir fest, dass die Chilenen in allen Lebensbereichen neben dem Katholizismus v.a. an Ordnung und Bürokratie glauben. „Papelito“ hier und „Papelito“ da, ein wenig Überwachungsstaat hier und ein wenig umständliche Prozesse dort. Man könnte das bisweilen auch schon etwas Bürokratiemasochismus nennen. Das fiel uns bereits bei unserem Törn um Cape Horn auf, als unser Skipper sich bald alle 10 Meilen irgendwo melden musste, was aber für die ganze chilenische Küste gilt und nicht nur für Sicherheit am Cape Horn. An der Grenze werden Rucksäcke die ersten 5cm auf frische Früchte und ähnlich Schlimmes durchsucht, nur damit der Chef im Hintergrund sieht, dass Betriebsamkeit herrscht. Dass der Prozess an sich lächerlich ist, stört dabei niemanden.

 

Ein weiteres schönes Beispiel ist wie schon beschrieben unsere Besteigung des Villarica. Wir haben einen Guide gefragt und alle inkl. Conaf, der Staatliche Chilenische Alpenverein, wissen, dass der deutsche Alpenvereinsausweis keineswegs eine Befähigung zum Bergsteigen ist. Dennoch wird danach gefragt und mit größter Zufriedenheit Freigabe zur Besteigung erteilt. Es ist ein Prozess und damit ist er gefälligst einzuhalten :-). Ob er sinnvoll oder verantwortlich ist, fragt keiner – vermutlich bis mal was passiert.

 

Grundsätzlich kann man in Chile auch ohne Reisepass fast nur Taxi fahren; dort verlangen sie ihn noch nicht 🙂 Ansonsten muss man die Passnummer bei jeder Busfahrt hinterlegen und selbst unsere Marathonanmeldung ging nicht ohne. Beim Abholen der Startunterlagen wurde sogar der Daumenfingerabdruck genommen – Respekt. Beim Eintritt in den Startbereich hat aber ein Bändchen ausgereicht. Es folgt also nicht unbedingt alles einer Logik. Aber diese Bürokratieverliebtheit ist letzten Endes eine sympathische Schwäche, auch wenn es mal wieder länger dauert.

 

Diese Korrektheit setzt sich dann auch beim Einkaufen fort. So gibt es beispielsweise noch blecherne 1-Pesos-Münzen. Jeder von euch hat vermutlich einen größeren Nagel am kleinen Finger, aber diese winzigen Teilchen werden trotzdem als Wechselgeld ausbezahlt; was schließlich bedeutet, dass sie auch produziert und im Umlauf gehalten werden müssen. Wenn wir euch jetzt sagen, dass der Peso gerade bei 1:638 € steht, versteht ihr vermutlich unsere Verblüffung :-). Ernährungsexperten haben selbst bei uns schon ausgerechnet, dass es sich nicht lohnte 1 Cent aufzuheben, weil man mehr Energie verbraucht, als man Essen dafür kaufen könnte – also selbst bei uns könnte das hinterfragt werden 🙂

Dazu gleich das nächste Beispiel auch aus dem Supermarkt: Chilenische Brötchen sind genauso penibel gleichgroß gebacken wie in Deutschland. Dennoch werden sie in ausnahmslos jedem Supermarkt und auch bei Oma’s Kaufladen an der Ecke abgewogen. Dass mindestens mal im Supermarkt dafür eine eigene Kasse mit Kassiererin bereitgestellt wird, kann sich einfach nicht lohnen. Aber auch dafür finden wir die Chilenen einfach putzig. Im jedem Supermarkt, den wir bisher besucht haben, wird das ganze Obst und Gemüse an einer separaten Obstkasse gewogen und bepreist – kennt man ja bei uns teilweise auch. Das gilt allerdings nicht für Paprika. Die werden an der Kasse gewogen. ?????? Versteht das noch einer – ist aber bisher in jedem Supermarkt so gewesen 🙂 🙂

 

Ansonsten gibt es über Chile nichts zu meckern – wobei wir das auch nicht als meckern verstehen. Chile hat uns rundum gut gefallen. Die Küche ist allerdings in großen Teilen verbesserungsbedürftig. Es wird hier mit auffallend vielen ungesunden Hot Dogs und Burgern gearbeitet, die ihrerseits auch noch eher schlecht gemacht sein. In den USA schmecken sie immerhin meistens. Nectar und sonstige Zuckergetränke gibt es überall, Saft ist eine Rarität – es gibt davon max 4 verschiedene Sorten im Kühlregal, aber hunderte Nectar. Im Vergleich zu den Argentiniern sind die Restaurants dafür günstig, und verlangen für einfach gemachtes Essen auch kein Vermögen. Wir haben allerdings auch einige höherpreisige Restaurant probiert, in denen das Essen – meistens leckere Filetsteaks – deutlich besser waren als in Argentinien und immer noch ein gutes Stück günstiger.

 

Leider sieht man die ansonsten eher ungesunde Lebensweise vergleichsweise deutlich an der Bevölkerung. Das kommt aber noch aus der Gegenreaktion einer nicht allzu vergangenen Zeit, in der die Chilenen eher unterernährt waren. Die Regierung ist offenbar bereits dabei, das Bewusstsein etwas zu verändern. Es ist daher auch auffallend, dass Sport in Chile noch kein allzu großes Thema ist – ganz im Gegensatz zu den Argentiniern (was ihnen aber trotzdem kein Tor gegen uns in der letzten WM eingebracht hat 🙂 ).

 

Und eine letzte auch schon wieder sympathische Eigenheit der Chilenen: die Bedienungen scheinen irgendwie nie mit dem Kopf bei der Sache zu sein. ‚Zuhören‘ muss ein Fremdwort sein und wir schicken schon mal voraus, dass es definitiv nicht an unserem Spanisch liegt. Wir sind noch NIE so auffallend oft so falsch bedient worden. Um euch nicht zu langweilen nur ein einziges von unzähligen Beispielen: Wir haben bestellt: einen Tee mit Milch und einen Latte Macchiato. Bekommen haben wir eine heiße Schokolade und einen normalen Kaffee ohne alles.

 

Also alles in Allem: Fahrt einmal nach Chile. Allein die Geografie mit den über 4.000 km Länge ist beeindruckend, Patagonien und Feuerland natürlich ein ganz besonderes Highlight. Es ist günstig hier und die Menschen sind sehr gastfreundlich. Das Essen sollte man aber der eigenen Gesundheit zu Liebe etwas selektiv auswählen, schafft man aber.



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1 Antwort zu “”

  • Liebe Mareike, lieber Björn,

    ein sehr schöner Reisebericht! … Bei meinem ersten Chile-Aufenthalt hatte ich ähnliche Eindrücke! … „Jede Jeck is anders.“ … Letztendlich kam ich aber auch zu der Einsicht: „Nä, nä, Marie, es dat hee schön!“ … 😉

    Ich wünsche Euch noch eine gute Reise … und weiterhin viele positive Erlebnisse

    Frank (der Exil-Bonner) 🙂

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