5 04 2012
So empfanden wir Argentinien!
Dieses Land hat uns von Anfang an, sprich seit Buenos Aires, bereits einiges „Kopfzerbrechen“ bereitet. Kopfzerbrechen deswegen, weil uns der Stolz oder auch das Selbstbewusstsein bzw. der Machismus der Argentinier irritiert und sehr nachdenklich gemacht hat. Auffallend war die doch sehr eigenartige Abfälligkeit mit der man insbesondere in Restaurants, aber auch in der Bäckerei oder an der Eistheke an der Ecke behandelt wird, dabei sind zwischen den Geschlechter kaum Unterschiede zu sehen. Mareike hat es in einem spontanen Ausspruch in einer Eisdiele auf den Punkt gebracht, als die x-te Verkäuferin in diesem Urlaub uns weder eines netten Blickes würdigte noch ein kleines „danke“ über die Lippen brachte. „Selbst ein Baby lacht zurück, wenn man es anlächelt – aber dieses Land hat einen sozial-kommunikativen Defekt.“
Nicht zuletzt wegen solcher häufig vorkommenden Situationen haben wir uns das Buch „Argentina: An Economical Chronicle. How one of the richest countries of the world lost it´s wealth” von Vito Tanzi auf unsere Kindles bestellt. Wir wollten Antworten finden auf die lapidaren Aussagen in den Reiseführern, dass Argentinien aus seiner Vergangenheit heraus ein bemerkenswert stolzes Land sei.
In diesem Buch wird eindrucksvoll beschrieben, wie dieses Land im Laufe des 20. Jahrhundert, ab etwa der 60er Jahre, kaputtgewirtschaftet worden ist. Bis dahin hatte es ein relatives Wohlstandsniveau inne wie Deutschland heute und konnte sich schon seit den 20er Jahren vor europäischen Immigranten kaum retten. Argentinien war während der Zeit der ersten Peron Regierung nach dem zweiten Weltkrieg zu einem gigantischen Wohlfahrtsstaat geworden. Doch ließ sich dieser Wohlstand nicht halten und man zog die falschen Konsequenzen daraus, was zwischenzeitlich unzählige Inflationen mit Raten von über 5000% hervorgebracht hat, sowie Militärregierungen, einsetzende Korruption und nicht zu vergessen die bis dato größte Staatspleite in der Geschichte im Jahr 2001. In den Supermärkten haben sich die Preise verteuert, während man an der Kasse stand, indem die aktuellen Preise über Mikrofon ausgerufen wurden.
Argentinien hatte eine unglaublich breite Mittelschicht, die unter diesen Bedingungen völlig verarmen musste. Schöne Wohngegenden in Buenos Aires wandelten sich in Armenviertel. Man sieht heute noch an den alten, aber verkommenen Fassaden den früheren Wohlstand. In dem Buch ist beschrieben, dass 1 Mrd. Pesos vom Anfang der 80er Jahre bis zu den Jahren nach der Staatspleite und der Abwertung zum Dollar auf einen Gegenwert von EINEM Dollar geschrumpft sind. Für die ehemals so stolze Mittelschicht zweifelsohne schwer zu akzeptieren, dass sie ihres Wohlstands beraubt worden ist.
Auf der anderen Seite stellen wir fest, dass Argentinien sich auch heute noch deutlich abhebt von anderen süd- oder gar mittelamerikanischen Staaten, die wir bereits bereist haben. Man hat trotzdem das Gefühl, irgendwie in Europa zu sein, wo auch zwangsläufig immens viele Wurzeln aufgrund der Immigrationswellen liegen. Argentinien ist ein tolles Land, dort gibt es viele sehr schöne Städte, und es werden nachwievor schöne Wohngegenden, Kultur und auch Tourismusstätten geschaffen. Argentinien hat eine Unmenge an Rohstoffen und man reist selten so sicher wie hier durch ein südamerikanisches Land. Allen Grund daher, auf das Land stolz zu sein.
Aber bitte liebe Argentinier: a) Tragt eure Nase nicht höher, als ihr den Hals tatsächlich strecken könnt, viele Dinge (und dazu gehörten auch viele Restaurants) sind einfach nur teuer, haben aber noch nichts mit Qualität oder gutem Service zu tun. Dazu sind wir schon zu weit auf dieser Erde herumgekommen und b) Das was ihr zu bieten habt, macht euch bereits zu einem schönen Land. Wenn ihr jetzt einfach die Freundlichkeit hättet und eure Umgangsformen anpassen würdet, wir würden euch für euch und euer Land lieben und jederzeit gerne wieder kommen – sonst eher nicht. So eindeutig ist unser Eindruck von euch, denn es tut selbst uns weh, was für eine Meinung wir von euch, diesem tollen Land mit dieser gigantischen Stadt Buenos Aires bekommen. Wir haben uns in dem Flair – alles Obige ignoriert – so unglaublich wohl gefühlt. Service bedeutet nicht Demut und Freundlichkeit bricht euren Stolz nicht. Ihr dürft uns also auch anlächeln, wenn wir etwas bei euch bestellen und müsst uns das Essen nicht hinknallen.
Das nun liebe Leser war unser ungeschminkter Eindruck von Argentinien und das o.g. Buch können wir empfehlen, wenn man gewillt ist, sein Ökonomieverständnis wieder etwas aufzufrischen. Die oben geschilderten Gegensätze eines an sich tollen Landes schmerzen und die drastischen Aussagen haben wir uns auch nicht leicht gemacht. Sie gelten selbstverständlich nicht überall, dennoch trifft es allzu häufig zu. Aber so habt ihr auch einmal ein ganz besonderes Bild von einem Land bekommen, das in keinem Reiseführer steht. Fahrt bitte trotzdem hin!!
Kategorien : Argentinien, Chile
