7 01 2012
Nach Weihnachten haben wir kurzfristig entschieden, Sylvester doch nicht mehr im Mt. Cook Village zu verbringen, sondern weiterzufahren und stattdessen auf der sehr hügeligen Halbinsel vulkanischen Ursprungs südöstlich von Christchurch noch eine Runde mit den Rädern zu drehen. Nebenbei hat unsere Vorausberechnung ergeben, dass wir in Christchurch die Radtour mit etwa 1.900 km abschließen würden. Da wir die 2.000 schon gerne gesehen hätten, kommt uns das entgegen 🙂
Zunächst unsere Stationen nach dem Mt. Cook Village bis Christchurch:
27.12.: Fahrt zum Lake Tekapo (115 km): Der Tag beginnt schon mit einer Katastrophe – kein gutes Omen. Wir haben bislang kein einziges Weihnachtslied hören müssen. Als wir allerdings im Hermitage Hotel unsere Rucksäcke wieder zum Postversand aufgeben, läuft genau das Lied, das seit fast 10 Jahren an Weihnachten rauf und runter läuft – auch ihr kennt es, wir wollen es nicht ausschreiben. Es hat also noch nicht einmal geholfen, dass wir eine Weltreise aufgesetzt haben, um dem zu entkommen.
Die ersten 70 km gehen zwar noch vorbei wie im Flug, aber dann beginnen die Qualen. Bei wolkenlos heißen 34° und wirklich extremem Gegenwind in einer ungeschützten Ebene verlangsamt sich unsere Fahrt auf 6 km/h. Wir sehnen die Abzweigung herbei, die uns wenigstens Seitenwind beschert. Ohne diesen hätten wir uns möglicherweise eine Mitfahrgelegenheit per Anhalter suchen müssen. Zu stark ist der Wind und zu lange die nächste Ortschaft (Lake Tekapo) entfernt, dazwischen gibt es nichts. Als wir am Lake Tekapo ankommen, kaufen wir 6 Cider, 1,5 L Wasser und 3 L Orangensaft. Dazu 2 große Packungen Chips, die den Salzhaushalt wieder in Ordnung bringen. Erst nach 2 Stunden Rehabilitation checken wir im YHA Hostel ein. Wir fühlen uns wie nach einem Marathonlauf.
28.12.: Heute ist Zahltag: Wir fahren nur eine Kurzetappe bis Fairlie (46 km) und das fast nur bergab mit Rückenwind. Was für eine Freude – bislang unsere schnellste Etappe mit durchschnittlich 27 km/h – unglaublich. Neben den üblichen, unzähligen Grüßen der Autofahrer, zwinkert uns heute einer mit seinen ausklappbaren Scheinwerfern zu und am Zeltplatz bringt uns der Familien-Papa vom Zelt nebenan zwei Bier, bevor wir auch nur das Zelt ausgepackt haben. Es gibt sie doch noch – die guten Tage, an denen alles rund läuft 🙂 Sometimes you win, sometimes you lose.
Hierzu noch folgender elementarer Querverweis zu einem früheren Eintrag: Wir haben hier ein weiteres hochentwickeltes Arbeitsgerät der Neuseeländischen Rasenmäherleidenschaft begutachtet. Dieser Rasenmäher wird einzig über zwei Hebel gesteuert. Somit wendet er auf einem Teller, wenn es sein muss, wie bei einem Panzer. Das erhöht natürlich den Männlichkeitsfaktor nochmals signifikant um ein Vielfaches, wenn man dazu verdammt ist, bei den doch eher schnöde wirkenden Dauercampern in Fairlie millimetergenau in jedem Winkel dieser Stellplätze für klar definierte Rasenlandschaften zu sorgen. Da wir leider kein Bild machen konnten, hier eines aus dem Netz:

Rasenmäher mit Panzersteuerung
29.-31.1.: Die folgende 3 Radfahrtage (insg. 219 km über Geraldine und Rakaia nach Christchurch) geben keine spannenden Erkenntnisse. Für alle, die wie wir auf dieser Strecke einen Teil des Highways 72 fahren sollen, folgenden Hinweis: Nein, auch wenn einem die Straßenschilder etc. suggerieren, dass das eine besondere „Scenic Route“ sein soll – sie ist es nicht – hier ist überhaupt nichts „Scenic“ 🙂 ! Sie ist langweilig und ausschließlich von Getreide und Rübenfeldern geprägt, durchzogen von einigen Rindviechern und hohen windabweisenden Hecken. Für uns war sie allerdings im Vergleich zum viel befahrenen Highway 1, der Hauptroute nach Süden, die autofreie Ersatzroute und somit viel wert. Das einzige was diese Gegend Radfahrern zu bieten hat, ist das, was sie nicht hat: KEINEN EINZIGEN HÜGEL! KEINEN NOCH SO KLEINEN! Dahingehend ein Traum! Vermutlich die einzige Gegend in ganz Neuseeland, die das von sich behaupten kann. Es geht dafür aber auch gerne einmal 20 km gerade aus, dann kurze Wendung, dann wieder 40 km schnurstracks gerade aus 🙂 Der einzige Grund warum einem die langen, geraden Strecken gar nicht so lange vorkommen, liegt schlicht in der ganz offensichtlich bewusst geschickt gewählten Optik: Durch die hohen Hecken links und rechts des Straßenrands laufen diese schon bald für den Betrachter optisch zusammen (Stichwort: Fluchtpunkt; das gleiche wie bei Eisenbahnschienen), so dass es eher aussieht wie ein geschlossener Wald, als wie eine nicht enden wollende Straße. Es sind monotone Routen wie diese, die solche Gedanken erzeugen.
Christchurch begrüßt uns am Ende dieses Tages nicht nur mit dem Neuen Jahr, sondern bereits mit einem ordentlichen Ruckler der Stärke 4,8 am Nachmittag. Die Erde kommt hier nicht zur Ruhe. Im Laufe einer Woche seit Sylvester hat es immerhin 135 Nachbeben gegeben. Man bemerkt allerdings nur die Beben ab Stärke 4. 17 Stück hatten wir davon bereits bis heute und es wackelt dabei schon recht spürbar.
Teile der Innenstadt sind immer noch durch das Beben im Februar 2011 abgesperrt, während die Geschäfte sich drum herum, den Umständen entsprechend, in sehr nette, bemalte Container eingerichtet haben, um wenigstens ihre Umsätze zu erhalten. Die Nachbeben werden zwar durchweg sehr gelassen genommen, wenngleich das öffentliche Leben (die zentrale Restaurant- und Kneipenszene war fast nicht mehr zu finden) und natürlich der Tourismus stark darunter leiden. Es ist schon sehr zu bedauern, was diese Stadt durch macht.
