8 02 2012
Auf den Spuren von Magellan, Sir Francis Drake, dramatischer Seefahrergeschichte und unzähligen gesunkenen Schiffen, die vor der Eröffnung des Panamakanals regelmäßig die hiesigen Gewässer durchkreuzt haben: Wir haben Cape Horn umsegelt!
 
Zurück und erholt vom Dientes Trail besuchen wir in Puerto Williams den Yachthafen. Wir haben uns bereits in Ushuaia nach Segeltörns um Cape Horn erkundigt, aber nur kleinere Kreuzfahrtschiffe oder deutlich überteuerte Segelreisen bzw. -törns gefunden. Im Yachthafen treffen wir auf die unterschiedlichsten Segler, die mit ihren eigenen Schiffen entweder das Kap umrunden, in die Antarktis segeln oder ihren Törn zu einer Weltumsegelung ausbauen wollen. Der kleine Hafen besteht im Wesentlichen aus einem alten Rheindampfer, der zu einem Kneipenrestaurant umfunktioniert ist und allen anderen Seglern zum Festmachen dient. Anlegestege gibt es hier noch nicht. Die Segler liegen rund um den Dampfer in mehreren Reihen gepackt.
Puerto Williams

Puerto Williams

 

Auf der Suche nach einer Segelyacht, die uns um das Kap bringt, treffen wir Ian. Ian ist Neuseeländer, der früher als Kapitän einer Yacht eines reichen Franzosen im Mittelmeer begonnen hat und seitdem mit seiner eigenen ca. 38 Fuß Yacht den indischen Ozean, Afrika und eben große Teile rund um Südamerika u.a. Antarctica besegelt hat – teilweise alleine, teilweise in Begleitung.

Auf seiner Yacht ist genug Platz für uns drei und so akzeptieren wir nach guter Überlegung und vielen Gesprächen mit ihm sein Angebot: Wir wollen mit ihm Cape Horn umsegeln. Dazu bedarf es allerdings erst besseren Wetters. Wie generell in Patagonien und Feuerland ist die Umsegelung von Cape Horn im Besonderen abhängig von den Wetterbedingungen. Die See ist immer sehr rau und Stürme toben regelmäßig um das Kap, was eine hohe Belastung für Material und Kapitän darstellt bzw. sehr oft schlichtweg unmöglich ist. Es herrschen nicht selten Windgeschwindigkeiten von > 60 Knoten (Beaufort Stärke 10 und mehr); die will man nicht erwischen. Die Zeitfenster, in denen der Wind auf ein vertretbares Maß „abflaut“, sind daher äußerst begrenzt und so kommen in den folgenden Tagen immer wieder Segler in den Hafen, die ihre Umrundung wieder abgebrochen haben.

Wir erkundigen uns daher täglich bei Ian über die neusten Wetterbedingungen. Am 3. Tag gibt Ian das Startsignal. Die Windstärke am Kap soll tags darauf in einem Zeitfenster von 12 Stunden auf 25 Knoten (ca. Stärke 4-5 Beaufort) fallen. Wir bringen am späten Donnerstagnachmittag unser Gepäck auf sein Boot. Der Hafen von Puerto Williams ist wegen starken Winds immer noch gesperrt. Eigentlich wollen wir um 0 Uhr lossegeln, so dass wir am Freitagnachmittag direkt das Kap umrunden können. Es sind etwa 80 bis 100 Seemeilen bis dorthin, je nachdem, ob man nur auf der Ostseite zum Kap hinfährt oder auf einem anderen Weg, durch die Inseln des Cape Horn National Parks hindurch, das Kap tatsächlich von West nach Ost umrundet.

Da der Wind nicht abflaut, legen wir uns in die Kojen und hören gegen 2 Uhr über Funk die Hafeninformation, dass vor 8 Uhr der Hafen nicht geöffnet wird: verdammt, das engt unser Zeitfenster ganz schön ein. Ian geht aber tatsächlich um 6 Uhr zur Kapitänerie und bettelt darum losfahren zu dürfen, weil der Wind im Beagle Channel fast vollständig zum Erliegen gekommen ist. Der Offizier muss erst seinen Chef aus dem Bett holen – das war der Grund weshalb bislang der Hafen in den Morgenstunden noch nicht geöffnet wurde. Ian hinterlegt die Crewliste und erhält anschließend Starterlaubnis.

Jede Yacht, die nach Cape Horn fahren will, muss sich regelmäßig an verschiedenen Punkten bzw. Funkstationen bei der Chilenischen Armada melden und über ihren Aufenthaltsort und beabsichtigte Route berichten, gerade weil letztere sich wetterbedingt natürlich auch schnell ändern kann. Das Ganze dient der Sicherheit und so herrscht bei gerade mal 2-3 Yachten, die mit uns ums Kap fahren oder uns entgegen kommen, ganz schön reger Funkverkehr. Ungleich zu anderen Segelrevieren muss in Chile jede Yacht 24 Stunden auf Standby sein. Vielfach kennen sich die Yachten vorher, aufgrund der langen, gemeinsamen Wartezeiten und der einzigen Dampferanlegestelle in little Puerto Williams.

Feuerland

Feuerland in Gaenze

Nach kurzem Frühstück werden die Motoren um 7:30 Uhr gestartet; die Yachten, die uns zugeparkt haben, starten auch entweder nach Ushuaia oder müssen kurzfristig umparken. Durch die momentane Flaute im Beagle Channel laufen wir lange ostwärts unter Motor und setzen erst um 12 Uhr Segel, als wir bereits den Beagle südwärts entlang der Isla Navarino verlassen.

 

 

 

 

Rückblick beim Verlassen des Beagle Channels

Rückblick beim Verlassen des Beagle Channels

 

 

 

 

 

 

 

Schmetterling bei Vorwindkurs

Schmetterling bei Vorwindkurs

 

 Wir überqueren eine Passage in südsüdwestlicher Richtung zum Cape Horn National Park, die Bahía Nassau, für die man aufgrund ihrer ungeschützten Lage ebenfalls angemessene Windverhältnisse benötigt. Heute allerdings benötigen wir seltener Weise sogar ab und zu Motorunterstützung, weil der Wind sogar schwächer ist als vorausgesagt. 

Sobald allerdings der Wind auffrischt, was innerhalb weniger Minuten passieren kann, läuft unsere Yacht wieder unter gerefften Segeln mit 8 Knoten.

 

Strecke der Kap Horn Umsegelung

Strecke der Kap Horn Umsegelung

 

 

 

 

 

 

 

 

Die ersten Inseln des Cape Horn National Parks

Die ersten Inseln des Cape Horn National Parks

 

Als wir die Inselgruppe des Cape Horn National Parks erreichen, biegen wir ein in den Canal Bravo und ankern in einer geschützten Bucht, der Caleta Martial, der Isla Herschel.

 

 

 

 

Route der Cape Horn Umsegelung

Route der Cape Horn Umsegelung

 

Am nächsten Morgen verlassen wir die Bucht wieder um 4:30 Uhr, umfahren die Isla Herschel auf westlicher Seite und treffen nach der Isla Hall auf die offene See, die Drake Passage. Bislang hat sich die Yacht, die Persimmon, unter Motor gegen 3 Knoten Strömung und 25 Knoten Gegenwind gekämpft.

 

 

 

 

 

 

 

Es geht raus in die Francis Drake Passage

Es geht raus in die Sir Francis Drake Passage

 

 

 

 

 

 

 

 

Die See wird rauer

Die See wird rauer

 

Jetzt drehen wir unter Segel in südöstlicher Richtung in Richtung Cape Horn ab.

 

 

 

 

 

Einen Teil von Cape Horn Island haben wir schon passiert...

Einen Teil von Cape Horn Island haben wir schon passiert...

 

Wind und Wellen sind hier bereits unglaublich rau und so geht es in den Wellen 2 Stunden auf und ab, bis wir schon ziemlich erschöpft und mit flauem Magen das Kap erreichen.

 

 

 

 

...und dann passieren wir auch Cape Horn!

...und dann passieren wir auch Cape Horn!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Da wir uns im Inneren besser nicht aufhalten, frieren wir völlig durch, obwohl wir alle verfügbaren, wärmenden Klamotten anhaben. Der starke Wind und die ein oder andere Ladung Wasser verstärkt die Kälte immens. Daher wärmen wir uns nach der Kapumrundung in unseren Schlafsäcken erst einmal wieder auf. Lediglich Meike leistet unserem Skipper noch etwas länger Gesellschaft an Deck.

Als der Wind teilweise bis auf 50 Knoten Geschwindigkeit ansteigt – das ist dann Sturm Stärke 9 –, ist an Rückfahrt über die Bahía Nassau nicht weiter zu denken. So steuert Ian wieder zur Caleta Martial. Wind und vor allem Wellen bremsen die Persimmon dabei teilweise bis auf 2 Knoten Geschwindigkeit ab.

Unser Ankerplatz Caleta Martial

Unser Ankerplatz Caleta Martial

 

 

Um 12 Uhr erreichen wir unsere Bucht, die auf einmal gar nicht mehr so ruhig ist wie tags zuvor, uns aber dennoch den besten Schutz in der Umgebung bietet.

Diesen und den ganzen nächsten Tag liegen wir noch in der Bucht; Sonnenblauer Himmel und Regen bzw. Hagel wechseln sich im 10 Minuten Takt ab. Der Wind bläst unablässig stark und die Rückfahrt über die Bahía Nassau Passage kann frühestens tags darauf erfolgen.

 

 

Um 6.00 Uhr früh geht es weiter. Es bleibt immer noch sehr stürmisch und in der Passage steigt die Windgeschwindigkeit gegen Mittag wieder auf 50 Knoten an. Ian hat die Yacht trotzdem hervorragend im Griff. Teilweise hagelt es und die Sichtverhältnisse trüben sich stark ein, so dass er mehr über GPS Karte am PC navigiert als auf Sicht. Wir sind zu dieser Zeit jedoch längst in unseren Kojen. Unsere sonst so wetterstabile Kleidung ist auf dieser stürmischen See ganz anderen Belastungen ausgesetzt und hält uns außen nicht lange warm. Das Klima in Feuerland ist beeindruckend und manchmal auch fast beängstigend.

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Drei glueckliche Cape Horner

Drei glueckliche Cape Horner

 

 

Ebenso schnell klart es bei Verlassen der Nassau-Passage am Nachmittag auf und so laufen wir bei starkem Wind, aber Sonnenschein, in Puerto Toro ein.

 

 

 

Entspannteres Segeln im Windschatten der Isla Navarino

Entspannteres Segeln im Windschatten der Isla Navarino

 

 

 

 

 

 

 

 

Puerto Toro

Puerto Toro

 

Puerto Toto ist ein kleiner Hafensteg und 20 Einwohner an der Nordostseite der Isla Navarino. Wir machen neben einer ehemaligen Racingyacht fest, die mit 3 Mann Crew und 6 Passagieren am nächsten Morgen in die Antarktis ablegt und mittlerweile als Charteryacht dient.

 

 

 

 

Neben uns die Racing Yacht auf dem Weg in die Antarktis

Neben uns die Racing Yacht auf dem Weg in die Antarktis

 

 

Da am folgenden Tag für die Überfahrt in die Antarktis sehr schwere See angekündigt ist, wird die Yacht am Abend noch vorbereitet und insb. das Großsegel und andere Dinge an Bord besonders gesichert, weil sie nur mit Sturmfock und einem weiteren kleinen Sturmsegel fahren werden.

 

Wir pausieren den folgenden Tag wieder. Puerto Williams ist offenbar noch gesperrt. Dennoch ist es in Puerto Toro fast ausschließlich sonnig, so dass wir an etwas windgeschützten Stellen an Land oder auf dem Boot angenehme, warme Sonne tanken können. Laut Ian ist das aber auch nur hier im Kanal bzw. auf der Ostseite der Isla Navarino der Fall; an unserem letzten Ankerplatz tobt anscheinend immer noch das schlechte Wetter, das wir glücklicherweise bereits hinter uns gebracht haben.
Abends beschließt Ian dann doch noch, nach Puerto Williams zurückzufahren. Der Wind ist deutlich abgeflaut und für Dienstag ist ein neuer starker Sturm, auch für den Beagle Kanal angekündigt.

Unser Captain Ian

Unser Captain Ian

 

Wir laufen abends gegen 22 Uhr in Puerto Williams ein und Ian kocht für uns noch ein Abendessen. Er macht sich große Sorgen über die Crew auf der Antarktia Yacht, da die Chilenische Armada Windgeschwindigkeiten in der Drake Passage von 70 Knoten (das ist Stärke 11, ggf. 12 und somit ein ausgewachsener Orkan) herausgegeben hat. Der Kapitän ist immerhin sehr erfahren, das Boot superprofessionell und die sie kannten die Wetterbedingungen natürlich ebenfalls. Trotzdem Wahnsinn, so etwas zu erleben.

 

 

 

 

 

Abschließend kann man sagen, dass die Wettergewalten auf See hier absolut beeindruckend in ihrem schnellen Wechsel und in ihrer Bosheit sind. Fast noch beeindruckender ist aber zu sehen, wie Menschen sie mittels Wettervorhersagen, geeignetem Material und einer guten Portion seemännischen Könnens für sich insoweit beherrschbar machen und die dabei entstehenden Risiken, so weit als möglich, berechenbar werden. Auf den zwei Schiffen, die kurz nach uns Cape Horn passiert haben, sind auch Kinder an Bord; ebenso ein Dreijähriger auf einem deutschen Boot, das im Moment noch in Puerto Williams liegt. Unvorstellbar bleibt allerdings, wie die Seefahrer ab dem 16. Jahrhundert diese Passage bewaeltigt haben. Man will sich nicht vorstellen, bei so einem Wetter in die Masten zu steigen. Ebenso unglaublich wirkt die Geschichte eines Joshua Slocum, die wir nebenbei lesen. Er hat Ende des 19. Jahrhuhnderts in einer hoelzernen „Nussschale“ die Welt alleine umrundet und kam ebenfalls in diesen Gewaessern vorbei, wenngleich nicht direkt am Kap sondern in der Magellanstrasse.